Immer wieder wird die Winterreise in Verbindung zu verschiedenen sozialen Themen gebracht - von Depression bis Obdachlosigkeit. Die Winterreise drängt Menschen in die Auseinandersetzung mit sich selbst und mit ihrer Zeit. Sie lässt viele Interpretationen zu.

 

Besonders und in dieser Form ungewöhnlich am Konzept der städtebezogenen Winterreise ist, dass die Kunstlieder Schuberts mit Texten und Geschichten heutiger Wohnungsloser ergänzt und zu einem neuen, eigenständigen Kunstwerk verbunden werden. Der vertraute Liederzyklus wird also bewusst mit neuen Texten erweitert, durchbrochen und verändert. Die städtebezogene Winterreise ist mehr als eine Aufführung von Schuberts Winterreise, sie ist ein Zeitdokument aus alter Musik und neuen, authentischen Text; ein Projekt, das eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart deutscher und deutschsprachiger Städte schlägt.

 

 

Die wohnungslosen Menschen der jeweiligen Stadt prägen den Charakter der Aufführung. Daraus kann in jeder Stadt ein eigenständiges und einzigartiges Kunsterlebnis entstehen, das die enge Verbindung mit wahren Begebenheiten auf der Straße aufzeigt. An der Entwicklung dieses Winterreise-Projekts werden wohnungslose Menschen direkt beteiligt. Sie bestimmen das Wesen dieses Projekts und verleihen ihm zusätzliche Tiefe und Authentizität.

 

Die wohnungslosen Interviewpartner, deren Lebensgeschichten in dieses Kunstprojekt einfließen, werden bei der Befragung auch mit Texten und Liedern aus dem Liederzyklus konfrontiert. Ihre Empfindungen und Ideen werden bei der Bearbeitung der Winterreise aufgegriffen. Das künstlerische Konzept geht aber noch weiter: Die Lieder werden auf mehrere Sänger übertragen, das ist ebenfalls ungewöhnlich und bricht mit der üblichen Aufführungspraxis, in der nur ein Sänger den gesamten Zyklus singt. Teilweise wird ein Lied als Duett, oder von drei Sängern gesungen. Eine Sopranistin repräsentiert mit circa fünf Liedern die Situation von wohnungslosen Frauen.

 

www.deutsche-winterreise.de